Offener Brief

Liebe Leser:innen,

wir, eine Gruppe Lehramtsstudierender der Freien Universität Berlin, sowie einzelne unterstützende Organisationen und Initiativen, schreiben diesen offenen Brief aus einer Not, die aus unseren unaushaltbaren Rassismus- und Sexismuserfahrungen an der Universität resultiert. Diese Version des Schreibens ist eine gekürzte Fassung eines 5-seitigen Briefs, den wir an den Präsidenten der Freien Universität der Berlin, die Institute der Dahlem School of Education wie verschiedene Fachdidaktiken direkt geschickt haben. Diesen könnt ihr bei Interesse ebenfalls auf unserer Website vollständig einsehen. Die gravierenden Folgen der Ignoranz und der strukturellen und institutionellen Diskriminierungen, der Studierende seit Jahrzehnten ausgesetzt sind, sind der Grund, weshalb wir dringend Veränderungen fordern. 

In Seminaren erleben Studierende immer wieder rassistische und sexistische Übergriffe, von Dozierenden selbst, aber auch von Studierenden, ohne dass Dozierende eingreifen. In Lehramts-Seminaren gibt es keine obligatorische Auseinandersetzung mit Rassismus, Sexismus und anderen menschenverachtenden Ideologien. Das hat zur Folge, dass solche gewaltvollen Situationen häufig nicht einmal erkannt werden und regelmäßig durch Dozierende reproduziert werden. Eine Vielzahl der Lehramtsstudierenden haben es in ihrem Bachelor- und Masterstudium erlebt, dass das ‘N-Wort’ und andere rassistische Beleidigungen ohne Einbettung gesagt und legitimiert, sowie rassistische Zuschreibungen normalisiert wurden. Durch diese Übergriffe und Diskriminierungen sind die immer wieder entstehenden psychisch belastenden Mechanismen wie racial Gaslighting, Derailing, Emotional Tax etc. für betroffene Studierende so unerträglich und schädigend, dass Depressionen und/oder Rückfälle von Studierenden entstanden sind oder sich verschlimmerten. Zusätzlich wird hier nach unserer Einschätzung regelmäßig gegen das neue Antidiskriminierungsgesetz (LADG) sowie dem Themenfeld entsprechende Landesprogramme und Leitbilder verstoßen. Leider können wir bestätigen, dass allein im Lehramtsstudium mit Ableismen, Klassismen, Rassismen und Sexismen gegen fast all die im LADG definierten Merkmale ohne jegliche Folgen und Veränderungen diskriminiert wurde. Deswegen fordern wir, dass

Dozierende sich zu Kolonialismus und Rassismus fortbilden müssen, zum Beispiel durch Vereine oder Einzelpersonen wie Each One Teach One (EOTO), I-Päd (Initiative intersektionale Pädagogik), der Bildungsinitiative Ferhat Unvar, Tupoka Ogette, Prof. Dr. Karim Fereidooni, o.Ä., 

Doch die fehlende Intervention bei den Gewalterfahrungen der wenigen BIPoC-Studierenden ist nicht die einzige gravierende Konsequenz, die aus diesem Vorgehen resultiert. Der strukturelle Anteil einer rassistischen Lehramtsausbildung bedeutet im Umkehrschluss, dass dieser vor allem im Bereich Schule weiterhin u.a. Unterricht, den Umgang mit Schüler:innen, Kolleg:innen, Eltern, schulische Abläufe und Schulentwicklung bestimmt: Die strukturell nicht gewünschte Auseinandersetzung mit Rassismustheorien und beispielsweise der Art, wie Rassismus die Gesellschaft in diesem Land geformt hat, hat für Kinder und Jugendliche existenzielle Folgen. Nicht nur der Arbeits- oder Wohnungsmarkt, sondern vor allem auch der Zugang zu Bildung und das Erreichen von Bildungsgraden wird durch die auch in Berlin noch mehrheitlich weiße Lehrer:innenschaft und einer rassistisch geprägten Ausbildung gravierend negativ beeinflusst. Bis heute, im Jahre 2021, wurde keine Verantwortung der lehramtsbezogenen Berufswissenschaft wahrgenommen, sich mit den herrschenden Strukturen kritisch, empathisch, produktiv und vor allem bewusst und obligatorisch auseinanderzusetzen. Um diesen Bildungsauftrag beginnend gerecht zu werden muss Bildungsmaterial und die Unterrichtsgestaltung auf rassistische und koloniale Kontinuitäten geprüft werden. Deshalb fordern wir 

die Überprüfung von universitärem Lehrmaterial aus antirassistischer postkolonialer Perspektive durch professionelle externe Expertise. 

Es muss eine obligatorische und nachhaltige Auseinandersetzung mit antirassistischer Bildungsarbeit in der Lehramtsausbildung deutscher Universitäten geben, damit sich nachhaltig etwas an den Verhältnissen, sowohl innerhalb der Institution, als auch an den Berliner Schulen ändert. Wir erwarten eine reflexive Auseinandersetzung mit Rassismus und Herrschaftsstrukturen innerhalb der Freien Universität, deren Ergebnis nicht symbolische Handlungen sind, sondern eine konkrete antirassistische Praxis ist. Es sollte für die Freie Universität, alle Lehrenden, sowie alle Studierenden eine Selbstverständlichkeit sein, sich vor allem mit historisch verankerten diskriminierenden Strukturen nachhaltig auseinanderzusetzen. Die Auseinandersetzung mit beispielsweise materialistischen Rassismustheorien ist daher die entsprechende Grundlage. Der eigentlich angestrebte Erziehungs- und Bildungsauftrag ist nicht fachspezifisch und kann somit auch nicht in den Politikunterricht ausgelagert werden. Es betrifft alle Lehrkräfte und alle Bereiche jeglicher (Bildungs-)institutionen. Deshalb fordern wir abschließend:

Es braucht fächerübergreifend ein obligatorisches Modul zu „Antirassismus und Diskriminierung“ für alle Lehramtsstudierende, welches antirassistische Fachdidaktiken, sowie Quellen, von Expert:innen wie die des ‚Instituts für diskriminierungsfreie Bildung‘ miteinbezieht.

Lehrer:innen verpflichten sich in ihrem Amt dazu, aktiver Teil einer gesellschaftlichen Mitgestaltung zu werden, und dieses Amt ist schon nach dem Schulgesetz in der Verantwortung, Menschen dazu zu befähigen, in ihrem späteren Berufsleben demokratische Werte zu vermitteln. Antirassistische Bildung ist daher, vor allem in Deutschland, eine Voraussetzung, um der Verpflichtung einer diskriminierungsfreien Demokratieerziehung nachzukommen. Mit Schlagwörtern wie ‘Diversity’ und ‘Interkulturalität’ sollen nicht länger Diskurse über Rassismus vermieden werden. Sich der Auseinandersetzung damit weiter zu entziehen, verhält sich sogar direkt gegen einen Beschluss der Kultusministerkonferenz zu ‘Interkultureller Bildung und Erziehung’, die besagt: “[Schule] tritt aktiv der Diskriminierung einzelner Personen oder Personengruppen entgegen. Sie prüft, inwieweit Strukturen, Routinen, Regeln und Verfahrensweisen auch unbeabsichtigt benachteiligend und ausgrenzend wirken, und entwickelt Handlungsansätze zu deren Überwindung.” Es stellt sich die Frage, wie ‘Schule’ dem ohne vorherige inhaltliche Auseinandersetzung nachkommen soll. Die unzähligen Berichte unserer Kommiliton:innen über die Ökonomisierung des Bildungssystems, die diskriminierenden Zustände in Seminaren und die fehlende Sensibilisierung in ihrer Ausbildung als Lehrkräfte zeigen uns, dass sich Zustände in der Lehre grundsätzlich ändern müssen. Nur so kann Schule ein demokratischer und diskriminierungssensibilisierter Raum werden. 

Ein Ignorieren dieses Schreibens und fehlende Umsetzung der Forderungen innerhalb dieses Jahres werden wir als rassistische Kontinuität deutscher Institutionen einordnen. Wie diese aktuell immer noch funktionieren, sehen wir an den Berichten von Studierenden und Lehrer:innen, den fast einheitlich weißen Dozierenden an der FU, den überwiegend weißen Lehrerzimmern, den einheitlich migrantischen Putzkräften, die oftmals selbst studiert haben, sowie an der Ignoranz gegenüber antirassistischen Initiativen. Dies ist ein Ausdruck eines darauf aufbauendem Systems, das sich nicht zuletzt durch eine segregierende Logik im Schulsystem äußert. Wir erwarten nun, dass Sie als Leitung der Universität und Fachbereiche umgehend entsprechende Maßnahmen ergreifen. Wir werden weiterhin die rassistischen Vorkommnisse dokumentieren, diese mit den offensichtlichen Zusammenhängen veröffentlichen, uns und andere antirassistisch weiterbilden, und uns gegen rassistische Kontinuitäten organisieren.

Initiative intersektionales Lehramt Berlin, Studierende der Freien Universität Berlin, sowie

AStA der Freien Universität Berlin
Fachschaftsinitiative Gender, Intersektionalität und Politik (FSI GSP) der FU
BIPoC Referat FU

AStA der Universität Potsdam
Referat für Bildungspolitik und Lehre der UP

Antirassismusreferat der Uni Potsdam

Prof. Dr. Karim Fereidooni

Schüler:innen der Initiative gerechte Bildung Berlin

I-Päd (Initiative intersektionale Pädagogik)

Each One Teach One (EOTO) e.V.

Wenn euch der Brief gefällt und ihr ihn selber haben und/ oder verbreiten wollt, steht euch hier die Datei zum Download zur Verfügung: