Warum sind wir eine anonyme Gruppe?

1. Wir kritisieren öffentlich grundlegende Strukturen der Universität an der wir selber Studieren. Mit unserem offenen Brief haben wir öffentlich eine Kritik an der Lehramtsausbildung der Freien Universität Berlin formuliert und Forderungen nach einer grundlegenden Veränderung der Struktur gestellt. Diese Kritik haben wir aus einer Studierendenposition formuliert. Die Universität ist so strukturiert, dass Professor*innen, Dozierende, die Unileitung und wir als Studierende in einem klar hierarchischem Verhältnis stehen. Diese Hierarchie drückt sich durch unterschiedliche Dinge aus, vorallem aber auch dadurch, dass Studierende nicht systematisch an der Gestaltung der Lehrinhalte beteiligt sind und eben außer einer Evalutation am Ende des Semesters eher eine marginale Stimme besitzten. Wenn wir in die Gestaltung mit einbezogen werden, dann meistens unentlohnt und in einer untergeordneten Position. In diesem Machtgefälle ist die Angst vor realen negativen Konesquenzen für unser Studium, beispielsweise in der Bewertung von Dozierenden, leider groß. Es hat uns viel Mut gekostet unsere Erfahrungen und Forderungen überhaupt zu Papier zubringen. Sich mit unserer vollen Identität in diesem Verhältnis sichtbar zu machen, birgt das Potential Repressalien von Seiten der Uni zu erfahren, die wir so nicht tragen können. Wir sind Anonym, um Kritik äußern zu können und nicht mit negativen Konsequenzen für unser Studium rechnen zu müssen.

2. So verhält es sich auch in Bezug auf unsere spätere Tätigkeit als Lehrkräfte. Wir hören immer wieder von Lehrkräften die versuchen über rassitsische Kontinuitäten an ihren Schulen ins Gespräch im Kollegium und mit der Schulleitung zu kommen. Das Resultat ist häufig weder Einsicht und die Reflexion des eigenen Verhaltens, sondern vielmehr Verharmlosung, Relativierung, Ausschluss und Mobbing. In vielen Fällen also auch Formen von psychischer Gewalt. Wir bleiben Anonym weil wir bald ins Referendariat gehen werden und nicht schon bei der Einstellung erleben wollen, wie wir eventuell kategorisch bereits anders behandelt werden.

3. Die Anonymität bietet uns Schutz vor rechten Anfeindungen und Angriffen, die wir bereits vom ersten Tag an auf unseren Socialmedia Kanälen erleben müssen. Öffentlich über Rassismus, Sexismus und andere menschenverachtenden Ideologien und Gewalterfahrungen zu sprechen bedeutet heutzutage leider auch sich darauf einzustellen abgewertet, beleidigt und bedroht zu werden. Rechte Trolls sind keine Randerscheinung und die allermeisten Menschen, die öffentlih über die menschenverachtenden Zustände ihres Alltags zugäglich berichten müssen, sehen sich mit Ihnen konfrontiert. Um uns zu schützen, bleiben wir anonym. 

4. Anonymität heißt nicht, dass wir nicht an einem Austausch interessiert sind, sondern, wie wir schon deutlich gemacht haben, ist unsere Anonymität in erster Linie ein Schutz für uns selbst. Es hat sich in unsere bisherigen Aktivität gezeigt, dass wir über Social Media leicht zu kontaktieren sind. Unsere Email Adresse ist bekannt. Unsere Anonymität heißt also keinesfalls, dass es keine Ansprechadresse gibt oder es unklar ist an wen man sich wenden muss. Es haben sich schon viele, die ein Interesse haben mit uns in Kontakt zu treten, bei uns gemeldet. Anonymität stellt hier also keine Hürde da uns zu kontaktieren, es stellt sich eher die Frage von ernsthaftem Interesse.

5. Zudem liegt der Fokus unserer Forderungen auf der grundsätzlichen Strukur des Lehramtstudiums und nicht auf Einzelerfahrungen oder wie so oft sog. „Einzelfällen“. Wir sehen aber die Gefahr, dass unsere Kritik als solche abgetan wird, wenn wir nicht als anonym organisiertes Kollektiv auftreten. Wir wollen, dass die Grundstruktur der Lehramtsausbildung überdacht, reflektiert und verändert wird und prangern deshalb die derzeitigen Zustände an. Falls unsere Anonymität als Grund genommen werden sollte unsere Standpunkte und Forderungen zu invalidieren, würde dies unsere Kritik an der Universität, dass es strukturelle Probleme gibt (siehe 1.), nur unterstützen und stellt eine weitere Form der institutionellen Machtaufrechterhalten und Unterdrückung dar.